Lüdinghauser Weihnachtslied


Eine Quellensuche
von Thomas Kleinhenz


Übersicht:

  1. Einleitung
  2. Lüdinghauser Ursprung?
  3. Text – Liedersammlung von Michael Denis
  4. Lüdinghauser Melodie
  5. Weitere Lied-Melodien
  6. Freie Kompositionen
  7. Weitere Textquellen (Auswahl)

Einleitung

In Lüdinghausen ist es seit vielen Jahrzehnten Tradition, dass das sogenannte „Lüdinghauser Weihnachtlied“ zur Weihnachtszeit in den Gottesdiensten und weihnachtlichen Feiern erklingt. Viele Lüdinghauser sind sogar stolz auf ihr „eigenes“ Weihnachtslied:

Den textlichen Hintergrund am Beginn des Liedes bildet die biblische Vorstellung vom Tag des Herrn: „Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat; wir wollen jubeln und uns an ihm freuen.“ (Ps 118, 24). Der Text transformiert hier eine eigentlich dem Osterfest vorbehaltene Wendung (siehe z.B. GL 329) in das Weihnachtsgeschehen hinein.

Ähnlich dem Lüdinghauser Weihnachtslied beginnt auch ein Lied, welches der Dichter Christian Fürchtegott Gellert (1715-1769) vor 1755 schuf, mit dieser Textzeile. Der Dichter unterlegte seinem Lied die Melodie „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ von Martin Luther.


Lüdinghauser Ursprung?

Allerdings ist die Herkunft des Lüdinghauser Weihnachtsliedes und die damit verbundene Tradition nicht vollständig geklärt. Melodie und Text wurden in Lüdinghausen über mehrere Generationen weitergegeben und noch Mitte des letzten Jahrhunderts in den örtlichen Schulen im Unterricht gelehrt.

Als „Lüdinghauser Quelle“ liegt nur eine handschriftliche Notation des Liedes, gefertigt von Johannes Greshake, ohne Angaben von Texter und Komponist vor.

Es gilt aber inzwischen als sicher, dass zumindest der Text nicht aus Lüdinghausen stammt. Denn bereits Anfang des 19. Jahrhunderts ist der Text des Weihnachtsliedes in mehreren kirchlichen Gebetsbüchern vor allem in der Steiermark und in Kärnten, in der Schweiz und auch in Ungarn zu finden, oft auch mit zusätzlichen Strophen.


Liedersammlung von Michael Denis

Michael Denis
(1729-1800)

Erstmals abgedruckt wurde der Text in den „Geistlichen Liedern z. Gebrauch der hohen Metropolitankirche b. St. Stephan in Wien und d. ganzen Wiener Erzbistums“ von dem Jesuitenpater Michael Denis (1729-1800), die 1774 in Wien erschienen sind.1

Die beliebten Liedtexte aus dem Gesangbuch von Michael Denis wurden nach ihrer Erstveröffentlichung häufig nachgedruckt und vor allem im 19. Jahrhundert in viele weitere (diözesane und regionale) Gesangbücher übernommen.

In dem Vorwort zu einem Liederbuch2 aus Prag, welches 1805, kurz nach dem Tod von Denis, veröffentlicht wurde, heißt es: „… der unsterbliche Veredler der Gedichte Ossians, der sel. Hr. Hofrath Denis zu Wien, unser Freund und Mitarbeiter an dieser Sammlung […] ungeachtet seine Bescheidenheit sich nicht dazu bekennen wollte, hat sie [die Lieder] in dem Anbetracht, daß er ehmals Vorsteher des Theresians war, selbst übersehen, und würdig gemacht, allda eingeführt zu werden, …“

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Michael Denis

(*1729 in Schärding, +1800 in Wien)

Johann Nepomuk Cosmas Michael Denis war ein österreichischer Priester, Schriftsteller (Pseud.: Sined der Barde), Übersetzer, Bibliothekar und Zoologe.
Unter den 17 Liedern veröffentlichte Michael Denis auch seine Erstfassung des bekannten Adventsliedes „Tauet Himmel, den Gerechten“ (siehe GL 753, heutige Fassung von Norbert Hauner, 1777).

Der bedeutende deutsche Hymnologe Wilhelm Bäumker (1842-1905) beschreibt in „Das katholische deutsche Kirchenlied in seinen Singweisen“  diese Liedersammlung von Michael Denis im Detail (siehe unten).3 Dass Denis auch der Autor von zumindest 15 der 17 Lieder ist (also auch von „Dies ist der Tag, von Gott gemacht“), steht für ihn zweifelsfrei fest.

Wilhelm Bäumker: Das kath. deutsche Kirchenlied in seinen Singweisen

Das katholische deutsche Kirchenlied
in seinen Singweisen

von Wilhelm Bäumker

(Auszug Seite 88ff.)
Übertragung: Th. Kleinhenz

V. Bibliographie und nähere Beschreibung der wichtigsten Gesangbücher

1774. (M. Denis) Geistliche Lieder zum Gebrauche der hohen Metropolitankirche bey St. Stephan in Wien und des ganzen wienerischen Erzbisthums. Wien, gedruckt mit Schulzischen Schriften 1774. 12. Ohne Melodien.

Das Büchlein enthält auf 48 Seiten 17 Lieder, die ich nachstehend anführe, weil sie in spätere Gesangbücher übergingen.

  1. Der Heyland ist erstanden, befreyt von Todesbanden. S. 10
  2. Dies ist der Tag von Gott gemacht, ich will mich herzlich freuen. S. 6
  3. Ein frommes Loblied, o Johann. S. 45
  4. Erfreut euch, liebe Seelen. S. 17. (Überarbeitung des alten Liedes "Freut euch, ihr lieben Seelen", vgl. I. Bd., Nr. 302 u. 405)
  5. Gott des Himmels und der Erde, Dir ist alles unterthan. S. 30
  6. Herr, wir tragen unsre Schuld. S. 33
  7. Ich bethe drey Personen in einer Gottheit an. S. 15
  8. In Gott des Vaters und des Sohns und seines Geistes Nahmen. S. 22
  9. Komm, heiliger Geist, o dritte Person. S. 13
  10. Laß mich deine Leiden singen. S. 8
  11. Maria, sey gegrüßet, Du lichter Morgenstern. S. 39
  12. O Herr, wir sind getroffen. S. 36
  13. O Maria! Sey gegrüßet, hier in Deinem Gnadenbild. S. 42
  14. O Mutter Gottes, hochbelohnt. S. 20
  15. O Schöpfer, dessen Allmachtswort. S. 24
  16. Thauet, Himmel, den Gerechten. S. 3
  17. Wir fliehen zu dir nur, allmächtiger Gott. S. 7

Weder auf dem Titelblatte noch sonst im Buche kommt der Name M. Denis vor; daß dieser aber der Autor ist, geht, abgesehen von allem Anderen, schon daraus hervor, daß Turin, der in seine Sammlung geistlicher Lieder 1778 alle oben verzeichneten Lieder mit Ausnahme von Nr. 6 und 13 aufgenommen hat, ein jedes mit dem Namen "Denis" unterzeichnet.

...

Wilhelm Bäumker verweist dabei auch auf Ernst Xaver Turin, der bereits 1778 bis auf zwei ältere Gesänge alle Lieder von Michael Denis in seine „Sammlung geistlicher Lieder“ aufgenommen hat und jedes mit dem Namen „Denis“ unterzeichnet.

Auch in weiteren Schriften wie z.B. in dem „Allgemeinen biographischen Lexikon alter und neuer geistlicher Liederdichter“ (Gottfried Lebrecht Richter, 1804)4 oder in dem „Biographischen Lexikon des Kaiserthums Oesterreich“ (Constantin von Wurzbach, 1858)5 wird Michael Denis als Verfasser aller Liedtexte seines Gesangbuches von 1774 genannt.6


Vergleich der Textfassungen

Eine der frühesten vorliegenden Textquellen findet sich in dem „Katholischen Gesangbuch zum Gebrauch der Pfarrgemeinde ob der Laimgrube“, welches 1785 in Wien7 gedruckt wurde:

1. Dieß ist der Tag von Gott gemacht.
Ich will mich herzlich freuen!
Auch mich hat heut der Herr bedacht!
Ich will ihm Lieder weihen.
Das Heil, das aus der Jungfrau Schooß
heut allen Adamskindern sproß,
ist auch für mich gebohren!
Vor seiner Krippe sink‘ ich dann,
und bethe meinen Heiland an,
in Wonne ganz verloren.

2. In meiner Bildung liegt er hier,
den keine Namen nennen.
O Gott! O Kind! Geläng es mir,
die Gutthat ganz zu kennen!
Du steigest von dem Thron herab,
den dir mit sich dein Vater gab,
um hier für mich zu leiden!
Du wählest mir zu nützen heut‘
für Überfluß die Dürftigkeit,
den Stall für Himmelsfreuden.

3. Du weinst, mein Jesu! Sey gegrüßt,
O gnadenreiche Zähre!
Sey mir mit Ehrfurcht aufgeküßt,
O Tropfen aus dem Meere,
Das einstens blutig strömen soll
für mein und aller Sünder Wohl!
Sey auch für mich geweinet!
Erwärme kalter Christen Herz,
das ihres Heiland ersten Schmerz
nicht zu empfinden scheinet.

4. Das meine soll dein Wohnplatz seyn,
Geliebtester aus allen!
Es soll, wie neugeschaffen, rein
von Engeltrieben wallen.
Komm aus der Krippe, komm zu mir!
Bring ächte Frömmigkeit mit Dir,
und wahre Christensitten!
O noch nicht Richter, noch ein Kind!
Dieß macht mich hoffen, Kinder sind
ja leichter zu erbitten.

5. Du kehrest einst in Majestät,
vom Engelheer umringet,
wann diese Welt zu Trümmern geht,
der Staub aus Gräbern dringet;
dann muß auch ich hin ins Gericht,
Allweiser vor dein Angesicht
mit Furcht und Angst durchdrungen.
O sprich dann: Ich erkenne dich.
Du hast vor meiner Krippe mich
mit Inbrunst einst besungen.

Katholisches Gesangbuch von 1785

(.pdf)
Seiten 20-22

In Lüdinghausen sind von dem Liedtext allerdings nur die ersten beiden Strophen bekannt. Abgesehen von üblichen regionalen Veränderungen unterscheidet sich die Textversion dieser Strophen nur leicht von der ursprünglichen Fassung. Teilweise tauchen diese Änderungen auch in späteren Gesangbüchern Mitte des 19. Jh. auf:

 Textversion 1785Textversion Lüdinghausen 
1. Str. / 8Vor seiner Krippe sink' ich dann,Vor seiner Krippe sing ich dann,Variante ist auch in einigen Gesangbüchern des 19. Jahrhunderts zu finden
2. Str. / 1In meiner Bildung liegt er hierIn seiner Bildung liegt er hiernur in Lüdinghausen
2. Str. / 5,6Du steigest von dem Thron herab,
den dir mit sich dein Vater gab,
Du stiegest von dem Himmelsthron,
Du Mensch geword’ner Gottessohn,
nur in Lüdinghausen
2. Str. / 7,8um hier für mich zu leiden.
Du wählest, mir zu nützen heut,
um hier für uns zu leiden.
Du wähltest, uns zum Nutzen heut,
nur in Lüdinghausen

Lüdinghauser Melodie

Ungeklärt ist aber nach wie vor, woher die Melodie des Lüdinghauser Weihnachtsliedes stammt. Die Vermutung liegt natürlich nahe, dass der damals populäre Text im späteren 19. Jahrhundert die Grundlage für eine Neuvertonung von einem Komponisten aus Lüdinghausen war.

Das Lied wurde hier über mehrere Generationen vor allem mündlich überliefert. Der Komponist, der der Lüdinghauser Melodie eine besondere Prägung gegeben hat, ist aber leider unbekannt.

Bemerkenswerterweise lässt sich die in Lüdinghausen gesungene Melodie in keiner „auswärtigen“ Quelle außerhalb der Stadtgrenzen nachweisen. Bei der Melodie könnte es sich also tatsächlich um eine Neuschöpfung handeln, die nur regional gesungen und verbreitet wurde.

Hier wäre noch viel Raum für musikgeschichtliche Forschung, vor allem in Lüdinghausen …


Analyse der Melodie

Im 19. Jahrhundert werden viele deutschsprachige Gesänge, Lieder und Messen (z.B. von Michael Haydn und Franz Schubert) für die Begleitung und Untermalung der katholischen Liturgie komponiert. Die Lüdinghauser Melodie entspricht in Form und Stil in etwa den Kirchenliedern, die nach 1850 entstanden sind.

Die Melodie unterteilt sich in mehrere unterschiedliche Bögen. Gleich zweimal steigt zu Beginn die Melodie nach oben, um dann in einem markant abfallenden Sext-Sprung wieder zu schließen. Das gleiche sprunghafte Intervall, jetzt allerdings in aufsteigender Form, erscheint auch in den folgenden Liedzeilen. Im Allgemeinen gelten viele Sprünge in der Melodie als kompliziert und wenig sanglich, hier sorgen sie allerdings für eine Lebendigkeit in der Melodie, die auch dem Zeitgeschmack der damaligen Zeit entspricht.

Nach mündlicher Überlieferung wurde in Lüdinghausen der Schlussteil stets besonders leise gesungen und gespielt, während die anschließende Wiederholung laut und kräftig gestaltet wurde.


Weitere Lied-Melodien

Zur Melodie des ursprünglichen Liedtextes von 1774 sind leider nur spärliche Angaben zu finden, da die Gesangbücher der damaligen Zeit i.d.R. nur die Texte (ohne Noten) enthielten, die dann oft zu bereits bekannten Melodien anderer Lieder gesungen wurden (Fachbegriff: Kontrafaktur8).


„Der Tag, der ist so freudenreich“

In einzelnen Gesangbüchern des frühen 19. Jahrhunderts wird zu unserem Text die Melodie des Liedes „Der Tag, der ist so freudenreich“ (Melodie: Medingen um 1320, Hohenfurt 1410, Wittenberg 1529) angegeben.

Auch bei diesem Lied handelt es sich um ein Weihnachtslied (deutsche Übersetzung aus dem 15. Jahrhundert nach dem lateinischen „Dies est laetitia“ um 1320). Möglicherweise war neben dem gleichen Metrum auch die textliche und inhaltliche Nähe zu „Dies ist der Tag, von Gott gemacht“ für die Verwendung der Melodie ausschlaggebend.

Orgelsatz aus Choralbuch, 1785

aus: Neues vollständiges Choralbuch zum Gebrauch bey dem Gottesdienste.
Johann Joseph Klein, Rudolstadt, 1785

Das Choralbuch enthält ein Melodienregister, unterteilt in „Melodie-Normen“ und zugehörige „Lieder“. Nur für die Norm-Melodien wird ein zugehöriger Satz abgedruckt:

Übertragung:

Übertragung aus dem Choralbuch (Instrumental-Version)

Der Tag, der ist so freudenreich (Instrumental-Version)

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird diese Melodie durch zeitgemäßere Ausschmückungen und regionale Verzierungen vor allem im Raum Wien leicht verändert. Der Verlauf der Melodie ist nun in einigen Schulgesangbüchern, die oft als Ergänzung zu Diözesangesangbüchern angelegt wurden, mit Noten abgedruckt.

Besonderen Einblick gibt das 1851 in Wien veröffentlichte Schulgesangbuch „Volksweisen deutscher Kirchenlieder“ von Karl Pichler.9 Hier wird neben dem Text auch eine Fassung für zweistimmigen Gesang und Orgelbegleitung angeboten.

Die einstimmige Fassung findet sich in dem Gesangbuch für das Wiener Knabenseminar (später in Hollabrunn/NÖ) von 1876.10

aus: Katholisches Gebet- und Gesangbuch zum Privatgebrauche
für die Zöglinge des Wiener f. e. Knaben-Seminars. Wien, 1876
Dies ist der Tag, den Gott gemacht (Knabenseminar Wien)
Instrumental-Version, Satz: Th. Kleinhenz

Das Lied war noch bis weit in das 20. Jahrhundert hinein ein populäres Weihnachtslied, vor allem im Raum Wien. Aufgeschriebene Kindheitserinnerungen u.a. aus dem Jahr 1955 sprechen von dem in der Weihnachtsmesse „von der Gemeinde inbrünstig gesungenen Lied ‚Dies ist der Tag, von Gott gemacht'“.11

Dass der Text mit dieser Melodie aktuell auch heute noch bekannt ist und gesungen wird, zeigt die Veröffentlichung in einer Weihnachtsliedersammlung „Melodien zur Weihnacht“ aus dem Jahr 2005 in Wien.12

Bemerkenswert ist das Reimschema. Seit der Erstfassung des Textes im Jahr 1774, ebenso auch in der Lüdinghauser Version, besteht jede Strophe aus zehn Verszeilen. Die ersten vier Zeilen bilden einen Kreuzreim (abab), die nachfolgenden sechs Zeilen einen Schweifreim (ccd eed).


„Es ist das Heil uns kommen her“

Allerdings wird in einigen Gesangbüchern im 19. Jahrhundet der Text der ursprünglich 10-zeiligen Strophen jeweils um die letzten drei Zeilen gekürzt. Der Schweifreim fällt dadurch weg. Eine Textversion findet sich in dem weit verbreiteten Gesangbuch des Breslauer Domkapellmeisters Mortiz Brosig von 1850/1861:13


aus: Moritz Brosig’s Gesangbuch für den katholischen Gottesdienst
Verlag Leuckart, 1861, 2. Auflage

Dem zufolge muss der Text auf eine andere Melodie mit einem 7-zeiligen Liedschema gesungen worden sein.

Über dem Liedtext wird die Melodie aus dem zugehörigen Notenbuch (Mel. Nr. 78) angegeben. Die gleiche Nummer steht in diesem Gesangbuch auch bei weiteren Liedern:

  • Nr. 121: Ihr Auserwählten unsers Herrn
  • Nr. 140: Erloschen ist der Sonne Pracht
  • Nr. 197: Wenn ich, o Schöpfer, deine Macht (siehe GL 463, heutige Melodie von Peter Sohren, 1668)
  • Nr. 215: Erbarm‘ dich meiner, Gott, in Huld

Weitere Gesangbücher aus der Zeit legen dar, dass die Melodie-Norm14 dieser Lieder auf das Lied „Es ist das Heil uns kommen her“ (Paul Speratus, 1524), bzw. auch „Sey Lob und Ehr dem höchsten Gut“ zurück geht.

Orgelsatz aus Choralbuch, 1785

aus: Neues vollständiges Choralbuch zum Gebrauch bey dem Gottesdienste.
Johann Joseph Klein, Rudolstadt, 1785

Das Choralbuch enthält ein Melodienregister, unterteilt in „Melodie-Normen“ und zugehörige „Lieder“. Nur für die Norm-Melodien wird ein zugehöriger Satz abgedruckt:

Übertragung:

Übertragung aus dem Choralbuch (Instrumental-Version)

 

Es ist das Heil uns kommen her (Instrumental-Version)

Diese Melodie ist um 1390/1410 in Mainz entstanden und hat über die Jahrhunderte hinweg große Verbreitung gefunden. Auch heute noch wird die Melodie mit teils neueren Texten (siehe z.B. GL 334: O Licht der wunderbaren Nacht“ oder GL 783, Münster: „Nun freue dich, du Christenheit“) gesungen.


Paderborner Melodie

Eine ganz eigene Melodie zu dem Weihnachtstext findet sich in dem Paderborner Diözesan-Gesangbuch „Sursum corda!“, welches 1874 von Ferdinand Wacker (1834-1911) veröffentlicht wurde.15

Dies ist der Tag von Gott gemacht (Satz: Wilhelm Schrage)
Orgelbuch zum „Sursum corda“. Paderborn, 1904

Der Text der drei Strophen (siehe Bild) unterscheidet sich vor allem in den Folgestrophen deutlich von der Lüdinghauser Version, die sich ihrerseits sehr nahe an den Originaltext von 1774 anlehnt.

Daher ist eine Verbindung der beiden Versionen aufgrund ihrer geographischen Nähe eher unwahrscheinlich.

Ziffern-Notation zum "Sursum corda!"

Melodien zum "Sursum corda!"

in Ziffernnotation



Freie Kompositionen

Der Text von Michael Denis wurde im 19. Jahrhundert nicht nur als Kirchenlied in einer Gemeinde gesungen. Offenbar wurden Komponisten und Musiker bereits wenige Jahre nach seiner Entstehung von dem Text inspiriert und zu kunstvollen Kompositionen angeregt.

So entstanden musikalische Werke, die mit solistischem oder instrumentalem Vortrag, aber auch mit großen Besetzungen für gemischten Chor und Orchester sowohl im Gottesdienst als auch im Konzert Verwendung finden konnten. Nachfolgend eine Auswahl:


Der Komponist, Organist und Musikpädagoge Simon Sechter (1788-1867) schuf 1835 zwei Fugen (Orig.: „Kirchenlied mit kontrapunktischen Folgerungen für Orgel oder Pianoforte“, op. 50 / 7 und 8) über „Dies ist der Tag, von Gott gemacht“ mit Melodiemotiven von „Der Tag, der ist so freudenreich“.

aus: Pastoralmusik für Orgel aus dem 19. Jahrhundert.
Carus-Verlag 91.054 / Musikverlag Coppenrath

Der Pfarrmusiker und Organist von Hall in Tirol, Joseph Alois Holzmann (1762-1815) vertont den Text um 1810 neu als „Arie auf die Geburt Jesu Christi“. Das Werk ist als Strophenlied in der Besetzung für zwei Soprane, Bass (Soli und Chor) und Orgel angelegt.16

Joseph Holzmann: Aria auf die Geburt Jesu Christi (Franz Gratl)

Joseph Alois Holzmann
(1762-1815)

Dies ist der Tag von Gott gemacht, G-Dur, 2/4
Aria auf die Geburt Jesu Christi
(Download der Noten)

Besetzung: S 1, 2, B (Soli und Chor), org
Quelle: A ST (alte Signatur F I 51, RISM Westösterreich-Datenbank Titel-Nr. 650.002.375)

Im Auftrag des Instituts für Tiroler Musikforschung
ediert von Franz Gratl 2004


Zur Quelle
Zum Werk
Zur Biographie Joseph Alois Holzmanns


 

Joseph Alois Holzmann: Arie auf die Geburt Jesu Christi
(Musikedition Tirol / Institut für Tiroler Musikforschung 2004)

Ein festliches Orchester verwendet der Mariazeller Komponist Joseph Widerhofer (1786-1857) in seiner Komposition zu „Dies ist der Tag, von Gott gemacht“. Der vierstimmige Chor wird begleitet von vier Clarinen (Trompeten), Pauken, Orgel und Violone (Cello). Das Werk ist als Weihnachtslied zur Predigt datiert mit „Del Giuseppe Widerhofer mp . / Org. [1]811“.17

Joseph Widerhofer: Weihnachtslied zur Predigt
(A. Kollbacher: Musikpflege in Mariazell, 1995)

Im Diözesanarchiv in St. Pölten findet sich eine weitere, allerdings unklare und nur als Fragment vorhandene Quelle (Incertus Nr. 388) zu „Dies ist der Tag von Gott gemacht – Predigtlied am Feste der Geburt Jesu Christi“. Als Anmerkung steht „Josef Werner, 22. Dez. 1840“ sowie die musikalische Besetzung mit Chor und großem Orchester (S,A,T,B, 2V,2Ob,2Hr,Org).

Ein vorhandenes Melodieschnipsel der Violinbegleitung lässt leider nur wenige Rückschlüsse auf das Werk (Aria) zu: G-Dur, 6/8-Takt, Andantino.

Fragment, Diözesanarchiv St. Pölten

In der Ausgabe der katholischen Tageszeitung „Neue Tiroler Stimmen“ vom 6. Dezember 1876 wird in einer Anzeige neue Kirchenmusik für Weihnachten u.a. von Johann Bartholomäus Schottenhammel (1825-1879) beworben. Darunter befindet sich das „Weihnachtslied ‚Dies ist der Tag von Gott gemacht‘, für 3 oder 4 Singstimmen mit Streich-Quartett und 2 Hörner nebst ausgesetzter Orgelstimme“.

aus: Neue Tiroler Stimmen, Nr. 280, 6. Dezember 1876

Weitere Text-Quellen (Auswahl)

QuelleBemerkungen
Lieder zur öffentlichen und häuslichen Andacht, mit Melodien von den besten größtentheils vaterländischen Meistern: nebst einem Anhang von Gebethen
Kaiserlich-Königliche Normalschule in Prag, 1805
siehe Seite 82
Link zur Quelle

Als Melodie wird die Nummer 147 des wohl gleichnamigen Gesangbuches genannt. Unter der gleichen Melodie wurde auch das Lied "Herr Jesu, Heiland, Gottes Sohn" gesungen.
Incertus 388 – Dies ist der Tag von Gott gemacht – Predigtlied am Feste der Geburt Jesu Christi
Stimmen: S,A,T,B,2V,2Ob,2Hr,Org
Anm: Josef Werner, 22. Dez. 1840
siehe Nr. 388
Link zur Quelle

Unklare, nur als Fragment vorhandene Quelle (Diözesanarchiv St. Pölten ??).
Hier wird eine musikalische Besetzung mit Chor und Orchester erwähnt, incl. Melodieschnipsel (Violinbegleitung)
Te Deum laudamus! Großes, katholisches geistliches Liederbuch
Wilhelm Gärtner, 1855
siehe Seite 36
Link zur Quelle

Darunter ist folgender Vermerk:
Moritz Brosig's kath. Gesangbuch
Melodie ebendort Nr. 13
Die Harfe der Andacht
Renatus Münster
Tanzer, 1863
siehe Seite 182
Link zur Quelle

Melodie: Der Tag, der ist so freudenreich

Weitere katechetische Schriften mit ähnlichem Inhalt (Auswahl):
Gott ist die reinste Liebe
Carl von Eckartshausen
Würzburg 1832
siehe Seite 332
Link zur Quelle
Gebeth und Erbauungsbuch für katholische Christen
St. Pölten, Anna Lorenz, 1835
siehe Seite 251
Link zur Quelle

Fußnoten

  1. Michael Denis: Geistliche Lieder z. Gebrauch der hohen Metropolitankirche b. St. Stephan in Wien und d. ganzen Wiener Erzbistums. Wien, 1774.
  2. Lieder zur öffentlichen und häuslichen Andacht, mit Melodien von den besten größtentheils vaterländischen Meistern. Kaiserlich-Königliche Normalschule in Prag, 1805, 5. erweiterte Auflage
  3. Bäumker, Wilhelm: Das katholische deutsche Kirchenlied in seinen Singweisen. Freiburg, 1891. S. 88ff.
  4. Richter, Gottfried Lebrecht: Allgemeines biographisches Lexikon alter und neuer geistlicher Liederdichter. Leipzig, 1804. Seite 51
  5. Wurzbach, Constantin von: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich. Wien, 1858. 3. Band, S. 240
  6. siehe auch: Gothaische gelehrte Zeitungen, Nr. 36 vom 21. Mai 1774. (zum Link)
  7. Schmidt, Matthias Andreas: Katholisches Gesangbuch zum Gebrauch der Pfarrgemeinde ob der Laimgrube. Wien, 1785. Seiten 20-22
  8. Bei der Kontrafaktur wird lediglich der Gesangstext eines bereits bestehenden Werks verändert, sodass ein neues Lied mit der gleichen Melodie oder gleichen Motiven entsteht. (Wikipedia)
  9. Karl Pichler: Volksweisen deutscher Kirchenlieder zum Schulunterrichte: für den zweistimmigen Gesang mit vollständiger Orgelbegleitung. Wien, 1851.
  10. Katholisches Gebet- und Gesangbuch zum Privatgebrauche für die Zöglinge des Wiener f. e. Knaben-Seminars. Wien, Eigenverlag des Knabenseminars, 1876. zur Ansicht
  11. Elisabeth Schöffl-Pöll: Weihnachten im Weinviertel. Sutton-Verlag, Erfurt, 2013, S. 73
  12. Melodien zur Weihnacht. Die schönsten Advent-, Weihnachts-, Sylvester- und Neujahrslieder (Bearbeitung: u.a. Herbert Seifner). Musikverlag Josef Weinberger, Frankfurt, 2005
  13. Moritz Brosig’s Gesangbuch für den katholischen Gottesdienst. Leuckart, 1861, 2. Auflage
  14. Johann Joseph Klein unterscheidet in seinem Choralbuch zwischen der Melodie-Norm eines bekannten Liedes und weiteren dazu gesungenen Liedtexten. (Johann Joseph Klein: Neues vollständiges Choralbuch zum Gebrauch bey dem Gottesdienste. Rudolstadt, 1785)
  15. Sursum corda!. Katholisches Gesang- und Gebetbuch für die Diözese Paderborn. Paderborn, 1874-1948.
  16. Quelle: https://www.musikland-tirol.at/html/html/musikedition/komponisten/ holzmann/dertag/index.html
  17. Adolf Kollbacher: Musikpflege in Mariazell, drei Generationen der Komponistenfamilie Widerhofer, 1756 bis 1876. Wien, 1995

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