Lüdinghauser Weihnachtslied


Eine Quellenforschung
von Thomas Kleinhenz

In Lüdinghausen ist es seit vielen Jahrzehnten Tradition, dass das sogenannte „Lüdinghauser Weihnachtlied“ zur Weihnachtszeit in den Gottesdiensten und weihnachtlichen Feiern erklingt. Viele Lüdinghauser sind sogar stolz auf ihr „eigenes“ Weihnachtslied:

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Lüdinghauser Ursprung?

Allerdings ist die Herkunft des Liedes und die damit verbundene Lüdinghauser Tradition nicht vollständig geklärt. Als „Lüdinghauser Quelle“ liegt nur eine handschriftliche Notation des Liedes ohne Angaben von Texter und Komponist vor.

Es gilt aber inzwischen als sicher, dass zumindest der Text nicht aus Lüdinghausen stammt. Denn bereits Anfang des 19. Jahrhunderts ist der Text des Weihnachtsliedes in mehreren kirchlichen Gebetsbüchern vor allem in der Steiermark und in Kärnten, in der Schweiz und auch in Ungarn zu finden, oft auch mit zusätzlichen Strophen.

Liedersammlung von Michael Denis

Erstmals abgedruckt wurde der Text in den „Geistlichen Liedern z. Gebrauch der hohen Metropolitankirche b. St. Stephan in Wien und d. ganzen Wiener Erzbistums“ von dem Jesuitenpater Michael Denis (1729-1800), die 1774 in Wien erschienen sind.

Der bedeutende deutsche Hymnologe Wilhelm Bäumker (1842-1905) beschreibt in „Das katholische deutsche Kirchenlied in seinen Singweisen“ 1 diese Liedersammlung von Michael Denis im Detail (siehe unten). Dass Denis auch der Autor von zumindest 15 der 17 Lieder ist (also auch von „Dies ist der Tag, den Gott gemacht“), steht für ihn zweifelsfrei fest.

Wilhelm Bäumker verweist dabei auch auf Ernst Xaver Turin, der bereits 1778 bis auf zwei ältere Gesänge alle Lieder von Michael Denis in seine „Sammlung geistlicher Lieder“ aufgenommen hat und jedes mit dem Namen „Denis“ unterzeichnet.

Wilhelm Bäumker: Das kath. deutsche Kirchenlied in seinen Singweisen

Das katholische deutsche Kirchenlied
in seinen Singweisen

von Wilhelm Bäumker

(Auszug Seite 88ff.)
Übertragung: Th. Kleinhenz

V. Bibliographie und nähere Beschreibung der wichtigsten Gesangbücher

1774. (M. Denis) Geistliche Lieder zum Gebrauche der hohen Metropolitankirche bey St. Stephan in Wien und des ganzen wienerischen Erzbisthums. Wien, gedruckt mit Schulzischen Schriften 1774. 12. Ohne Melodien.

Das Büchlein enthält auf 48 Seiten 17 Lieder, die ich nachstehend anführe, weil sie in spätere Gesangbücher übergingen.

  1. Der Heyland ist erstanden, befreyt von Todesbanden. S. 10
  2. Dies ist der Tag von Gott gemacht, ich will mich herzlich freuen. S. 6
  3. Ein frommes Loblied, o Johann. S. 45
  4. Erfreut euch, liebe Seelen. S. 17. (Überarbeitung des alten Liedes "Freut euch, ihr lieben Seelen", vgl. I. Bd., Nr. 302 u. 405)
  5. Gott des Himmels und der Erde, Dir ist alles unterthan. S. 30
  6. Herr, wir tragen unsre Schuld. S. 33
  7. Ich bethe drey Personen in einer Gottheit an. S. 15
  8. In Gott des Vaters und des Sohns und seines Geistes Nahmen. S. 22
  9. Komm, heiliger Geist, o dritte Person. S. 13
  10. Laß mich deine Leiden singen. S. 8
  11. Maria, sey gegrüßet, Du lichter Morgenstern. S. 39
  12. O Herr, wir sind getroffen. S. 36
  13. O Maria! Sey gegrüßet, hier in Deinem Gnadenbild. S. 42
  14. O Mutter Gottes, hochbelohnt. S. 20
  15. O Schöpfer, dessen Allmachtswort. S. 24
  16. Thauet, Himmel, den Gerechten. S. 3
  17. Wir fliehen zu dir nur, allmächtiger Gott. S. 7

Weder auf dem Titelblatte noch sonst im Buche kommt der Name M. Denis vor; daß dieser aber der Autor ist, geht, abgesehen von allem Anderen, schon daraus hervor, daß Turin, der in seine Sammlung geistlicher Lieder 1778 alle oben verzeichneten Lieder mit Ausnahme von Nr. 6 und 13 aufgenommen hat, ein jedes mit dem Namen "Denis" unterzeichnet.

...

Auch in dem „Biographischen Lexikon des Kaiserthums Oesterreich“ (Constantin von Wurzbach, 1858)2 wird Michael Denis als Verfasser aller Liedtexte seines Gesangbuches von 1774 genannt.

Unter den 17 Liedern veröffentlichte Michael Denis (Pseud.: Sined der Barde) auch seine Erstfassung des Textes von „Tauet Himmel, den Gerechten“ (siehe GL 753). Dieser Liedtext wiederum taucht 1801 in einem Gesang- und Gebetbuch auf, das in der Diözese Münster im Verlag Aschendorff erschienen ist.

Weil das Gesangbuch „Geistliche Lieder“ von Michael Denis aus dem Jahr 1774 häufig nachgedruckt bzw. übernommen wurde, könnte auch der Liedtext des „Lüdinghauser Weihnachtsliedes“ im Münsterland bereits vor 1800 bekannt gewesen sein.

Komponist unbekannt

Zur Melodie des ursprünglichen Liedtextes sind leider nur spärliche Angaben zu finden, da die Gesangbücher der damaligen Zeit i.d.R. nur die Texte (ohne Noten) enthielten, die dann oft zu bereits bekannten Melodien anderer Lieder gesungen wurden. In einzelnen Gesangbüchern wird zu unserem Text die Melodie des Weihnachtsliedes „Der Tag, der ist so freudenreich“ (Medingen um 1320, Hohenfurt 1410, Wittenberg 1529) als Vorschlag angegeben.

Denkbar wäre demnach, dass der damals populäre Text die Grundlage für eine Neuvertonung in Lüdinghausen war. Denn die in Lüdinghausen gesungene Melodie lässt sich bisher in keiner Quellen nachweisen.

Hier wäre also noch Raum für geschichtliche Forschung vor allem in Lüdinghausen …


Gedanken zum Text

Den textlichen Hintergrund am Beginn des Liedes bildet die biblische Vorstellung vom Tag des Herrn: „Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat; wir wollen jubeln und uns an ihm freuen.“ (Ps 118, 24). Der Text transformiert hier eine eigentlich dem Osterfest vorbehaltene Wendung (siehe z.B. GL 329) in das Weihnachtsgeschehen hinein.

Während in Lüdinghausen nur die ersten beiden Strophen bekannt sind, existieren in verschiedenen Quellen weitere Strophen, teilweise auch mit leichten regionalen Abänderungen:

1. Dies ist der Tag, von Gott gemacht,
ich will mich herzlich freuen;
auch mich hat heut der Herr bedacht,
ich will ihm Lieder weihen!
Das Heil, das aus der Jungfrau Schoß
heut allen Adamskindern spross,
ist auch für mich geboren!
Vor seiner Krippe sink‘ ich dann,
und bete meinen Heiland an,
in Wonne ganz verloren.

2. In meiner Bildung liegt er hier,
den keine Namen nennen.
O Gott! O Kind! Geläng es mir,
die Guttat ganz zu kennen!
Du steigest von dem Thron herab,
den dir mit sich dein Vater gab,
um hier für mich zu leiden!
Du wähltest, mir zu nützen, heut‘
für Überfluss die Dürftigkeit,
den Stall für Himmelsfreuden.

3. Du weinst, mein Jesu! Sei gegrüßt,
O gnadenreiche Zähre!
Sei mir mit Ehrfurcht aufgeküsst,
O Tropfen aus dem Meere!
Das einstens blutig strömen soll
für mein und aller Sünder Wohl!
Sei auch für mich geweinet!
Erwärme kalter Christen Herz,
das ihres Heilands ersten Schmerz
nicht zu empfinden scheinet.

4. Das meine soll dein Wohnplatz sein,
Geliebtester aus Allen!
Es soll, wie neu geschaffen, rein,
von Engelstrieben wallen.
Komm aus der Krippe, komm zu mir;
bring echte Frömmigkeit mit dir,
und wahre Christensitten!
O noch nicht Richter, noch ein Kind!
Dies macht mich hoffen; Kinder sind
ja leichter zu erbitten!

5. Du kehrest einst in Majestät,
vom Engelheer umringet,
wann diese Welt zu Trümmern geht,
der Staub aus Gräbern dringet,
dann muss auch ich hin in’s Gericht,
Allweiser, vor dein Angesicht,
von Furcht und Angst durchdrungen!
O sprich dann: „Ich erkenne dich.
Du hast vor meiner Krippe mich
mit Inbrunst einst besungen.“

Abgesehen von üblichen regionalen Veränderungen gibt es in der Textversion der ersten beiden Strophen, die in Lüdinghausen gesungen werden, offensichtliche Übertragungsfehler, die so erst in späteren Gesangbüchern Anfang des 19. Jh. auftauchen und eine mündliche Überlieferung des Textes vermuten lassen:

Während der Autor des ursprünglichen Textes in der ersten Strophe betend vor der Krippe niedersinkt, singen die Lüdinghauser betend vor der Krippe! Zu Beginn der zweiten Strophe müsste es statt „In seiner Bildung …“ den Quellen zufolge heißen „In meiner Bildung …“.

Auffallend in der Lüdinghauser Fassung ist auch der Sprung aus der erzählenden Ich- in die Wir-Form innerhalb der zweiten Strophe.

Vorhandene Text-Quellen (Auswahl):

QuelleBemerkungen
Lieder zur öffentlichen und häuslichen Andacht, mit Melodien von den besten größtentheils vaterländischen Meistern: nebst einem Anhang von Gebethen
Kaiserlich-Königliche Normalschule in Prag, 1805
siehe Seite 82
Link zur Quelle

Als Melodie wird die Nummer 147 des wohl gleichnamigen Gesangbuches genannt. Unter der gleichen Melodie wurde auch das Lied "Herr Jesu, Heiland, Gottes Sohn" gesungen.
Incertus 388 – Dies ist der Tag von Gott gemacht – Predigtlied am Feste der Geburt Jesu Christi
Stimmen: S,A,T,B,2V,2Ob,2Hr,Org
Anm: Josef Werner, 22. Dez. 1840
siehe Nr. 388
Link zur Quelle

Unklare, nur als Fragment vorhandene Quelle (Diözesanarchiv St. Pölten ??).
Hier wird eine musikalische Besetzung mit Chor und Orchester erwähnt, incl. Melodieschnipsel (Violinbegleitung)
Te Deum laudamus! Großes, katholisches geistliches Liederbuch
Wilhelm Gärtner, 1855
siehe Seite 36
Link zur Quelle

Darunter ist folgender Vermerk:
Moritz Brosig's kath. Gesangbuch
Melodie ebendort Nr. 13
Die Harfe der Andacht
Renatus Münster
Tanzer, 1863
siehe Seite 182
Link zur Quelle

Melodie: Der Tag, der ist so freudenreich

Weitere katechetische Schriften mit ähnlichem Inhalt (Auswahl):
Gott ist die reinste Liebe
Carl von Eckartshausen
Würzburg 1832
siehe Seite 332
Link zur Quelle
Gebeth und Erbauungsbuch für katholische Christen
St. Pölten, Anna Lorenz, 1835
siehe Seite 251
Link zur Quelle

Ähnlich dem Lüdinghauser Weihnachtslied beginnt auch ein Weihnachtslied, welches der Dichter Christian Fürchtegott Gellert (1715-1769) vor 1755 schuf, mit der gleichen Textzeile. Der Dichter unterlegte seinem Lied die Melodie „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ von Martin Luther.


Die Melodie

Die Melodie des Liedes entspricht in Form und Stil in etwa den Kirchenliedern, die um 1800 entstanden sind. In dieser Zeit der beginnenden Romantik werden viele deutschsprachige Gesänge und Messen (z.B. von Michael Haydn und Franz Schubert) für die Begleitung und Untermalung der katholischen Liturgie komponiert.

Die Melodie unterteilt sich in mehrere unterschiedliche Bögen. Gleich zweimal steigt zu Beginn die Melodie nach oben, um dann in einem markant abfallenden Sext-Sprung wieder zu schließen. Das gleiche sprunghafte Intervall, jetzt allerdings in aufsteigender Form, erscheint auch in den folgenden Liedzeilen. Im Allgemeinen gelten viele Sprünge in der Melodie als kompliziert und wenig sanglich, hier sorgen sie allerdings für eine Lebendigkeit in der Melodie, die auch dem Zeitgeschmack der damaligen Zeit entspricht.

Nach mündlicher Überlieferung wurde in Lüdinghausen der Schlussteil stets besonders leise gesungen und gespielt, während die anschließende Wiederholung laut und kräftig gestaltet wurde.

Fußnoten

  1. Bäumker, Wilhelm: Das katholische deutsche Kirchenlied in seinen Singweisen. Freiburg, 1891. S. 88ff.
  2. Wurzbach, Constantin von: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich. Wien, 1858. 3. Band, S. 240

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